Das letzte Hörnchen

Die totale Sonnenfinsternis vom 12. August 2026 über Mallorca hatte gerade erst ihr Ende gefunden. Für eine Minute und 36 Sekunden war es dunkel geworden, als die Sonne noch eine Handbreit über dem Horizont stand. Die Venus hatte gleißend hell am Himmel gestanden, während der Mond die Sonne vollständig bedeckte. Dann erschien der Diamantring, das Licht kehrte zurück. Anschließend geriet die Sonnensichel in der Abenddämmerung zum Spektakel. Die Wolken, durch die kurz zuvor noch die Korona gestrahlt hatte, lösten sich weitgehend auf. Vereinzelte Wolkenbänder begannen rot aufzuleuchten – und fünfzehn Minuten später ging die Sonne ein zweites Mal unter. Diesmal nicht hinter dem Mond, sondern hinter dem Horizont.

Diesen berührte sie um 20:46 Uhr und begann, perspektivisch im Mittelmeer zu versinken. Im pastellfarbenen Abendlicht erstrahlte die partiell verfinsterte Sonnensichel. Mallorca, das Tramuntana-Gebirge und das Meer lagen unter einem Himmel, der noch immer die außergewöhnlichen Farben der Finsternis zu tragen schien.

Die schmale Sichel der Sonne hatte dabei eine ganz besondere Gestalt angenommen. An ihren beiden Enden ragten die Spitzen wie ein glühendes Feuerhörnchen hervor, das über dem Mittelmeer schwebte. Doch die Konturen waren weder glatt noch klar begrenzt. Sonne und Mond wirkten vielmehr, als hätten unsichtbare Kräfte ihre perfekte Geometrie aufgelöst.

Astronomische Präzision trifft auf atmosphärisches Chaos. Denn diese scheinbare Unordnung hat eine physikalische Ursache. Das Licht der Sonne am Horizont muss einen besonders langen Weg durch die Erdatmosphäre zurücklegen. Je tiefer die Sonne steht, desto länger durchquert ihr Licht die dichten unteren Luftschichten. Dort treffen die Strahlen auf Bereiche mit ständig wechselnder Temperatur, Druck und Dichte. Die dadurch entstehenden kleinräumigen Unterschiede in der Lichtbrechung lassen die Konturen flimmern und zerfasern.

Sonne und Mond scheinen dabei miteinander zu tanzen. Ein kosmischer Tanz, dessen Choreografie die bewegte Atmosphäre der Erde bestimmt. Der Mond selbst bleibt dabei verborgen; nur seine Bedeckung der Sonne verrät seine Anwesenheit, während sein dunkler Körper vom gleißenden Licht der schmalen Sonnensichel vollständig überstrahlt wird.

Und während die Sonne langsam im Mittelmeer versinkt, wiederholt sich etwas Unglaubliches: Zwei Sonnenuntergänge innerhalb von nur fünfzehn Minuten. Dann berührt die Sonne das Meer. Stück für Stück verschwindet die glühende Sichel hinter dem Horizont, bis schließlich auch ihr letzter roter Funke erlischt. Die Eindrücke dieses Tages aber haben sich für immer in die Herzen der Betrachter gebrannt.

Mein innigster Dank für das richtige Wolkenloch am richtigen Ort gilt meinem Inner Circle: Tala Mohajeri, Gabi Retzkowski, Annika Beck, Tanja Mihailovic und Christina Heinemann. Mein herzlichster Dank gilt außerdem dem Fotografenteam vor Ort, Dr. Frank Paul und Alex Meier, sowie Laura Janina und Alan Majsik, die uns tatkräftig unterstützten und die vielen Stative durch das bergige Gelände trugen.

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