Wunderwerk Winter
von Christian Klepp | 28.06.2025 | Alpen Galerie, Neueste Fotografien | 0 Kommentieren
Wie ein verwunschenes Gemälde liegt der tief verschneite Oeschinensee in den Schweizer Alpen in tiefer Stille und gläsern in seinem mächtigen Kessel. Der erste Schnee des Spätherbsts hat in der Nacht zuvor die Landschaft mit einer 50 Zentimeter tiefen weißen Decke überzogen, doch der See selbst ist noch eisfrei. Durch diese seltene Konstellation spiegelt seine dunkle Oberfläche die schneebedeckten, über 3.600 Meter hohen Gipfel in berührender Klarheit: das majestätische Blüemlisalphorn, das Fründenhorn, das Doldenhorn und das wuchtige Oeschinenhorn. Die letzten Sonnenstrahlen des kurzen Tages glühen flüchtig an den Gipfeln, bevor sich mit dem aufkommenden Nebel die Dunkelheit über das Tal senkt.
Die ungewöhnliche Tiefe des Kessels, in dem der 56 Meter tiefe Oeschinensee liegt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer jahrtausendelangen Wechselwirkung gewaltiger Naturkräfte. Der See ruht in einer eiszeitlich ausgeschürften Mulde, ein Relikt der letzten großen Eiszeit. Während der Kälteperioden schob sich ein mächtiger Gletscher vom Blüemlisalpmassiv talwärts, schleifte das Gestein unter sich, mahlte, hobelte, riss und schuf so den markanten Kessel mit seinen steilen, beinahe amphitheaterartigen Wänden.
Als sich das Eis am Ende der letzten Eiszeit zurückzog, löste sich vom gegenüberliegenden Hang ein gewaltiger Felssturz. Das abrutschende Gestein verschloss den Talausgang wie ein natürlicher Damm und staut seither das Wasser zum Oeschinensee auf. Doch auch nach dem Rückzug der Talgletscher kam das Werk der Erosion nicht zum Stillstand. Frostsprengung, Schmelzwasser, hangabwärts kriechende Gesteinsmassen, sie arbeiten weiter an dieser Landschaft, formen Felskanten und übersteilte Wände. So wurde aus einem vergletscherten Hochtal mit natürlicher Barriere ein einzigartiges Becken: ein stilles Herz inmitten schroffer Gipfel und zugleich Ausdruck einer langen, ungestümen Erdgeschichte.
Dieser Ort ist eine geologische Schatzkammer aus der Zeit der Dinosaurier. Die Berge bestehen aus ozeanischen Sedimentgesteinen, die einst am Boden des längst aus dem Gedächtnis der Erde verschwundenen Tethys Ozeans abgelagert wurden. Die Erinnerung an diesen weltumspannenden tropischen Ozean, der vor Leben nur so wimmelte, ist hier bewahrt.
Der beschwerliche Weg hierher führte vier Stunden lang durch tiefen Schnee und steiles Gelände. Als die kurze Dämmerung hereinbrach, bildete sich dichter Nebel über dem See und drang wie lautloser Atem tief in den finsteren Wald hinein. Der Rückweg wurde zum Blindgang, das Licht der Stirnlampe verlor sich im Streulicht des Nebels und wurde dadurch unbrauchbar. Meine Fußspuren des Hinwegs waren längst zugeschneit. Nur das Rauschen des Baches wies mir den Weg talwärts, der dadurch doppelt so lange benötigte wie der Hinweg.
Genau dies ist der mir so wichtige Teil der Naturerfahrung: die Kälte, die Dunkelheit, das Gefühl, klein zu sein in einer großen, stillen Welt und doch ein Teil von ihr sein zu dürfen. Solche Momente sind wie Seiten in einem Buch, die so schön sind, dass man es nie zu Ende lesen möchte. Genau deswegen ruft mich die Natur immer wieder zu solchen Erlebnissen.
Eingefrorene Zeit
von Christian Klepp | 27.06.2025 | Alpen Galerie, Neueste Fotografien | 0 Kommentieren
Wie ein Fluss aus Eis kriecht der Fieschergletscher in den Schweizer Alpen langsam, aber unaufhaltsam, in S-Kurvenform der Schwerkraft folgend talwärts. Eingerahmt von tafelig verwitterten Granitplatten, vom Frost aufgesprengt wie die aufgeschlagenen Seiten eines uralten Buches der Erdgeschichte, unter einem dräuenden Gewitterhimmel in den letzten Farben des Tages, bevor die Nacht anbricht.
Mit rund 14 Kilometern Länge ist der Fieschergletscher der zweitlängste Gletscher der Alpen. Sein Nährgebiet liegt auf über 4.000 Metern Höhe am Fiescherhorn des Finsteraarhorn Massivs und reicht bis zu seinem markanten, kurvenreichen Zungenende in der Fiescherschlucht auf etwa 1.700 Meter Höhe. Mit dem von uns Menschen verursachten Klimawandel ist er, dem Schicksal aller weltweiten Gletscher folgend, beschleunigt am Abschmelzen. So verliert er jährlich über 50 Meter an Länge; weitaus dramatischer jedoch ist das vertikale Zusammenschmelzen: Es beträgt inzwischen zwei bis drei Meter pro Jahr. Sichtbar ist dieser massive Volumenverlust des Eises an den hellgrauen Felswänden entlang seiner Seiten, die den Höchststand um das Jahr 1850 markieren.
Die V förmig daliegenden Gesteine im Vordergrund sind kontinentale Granite und Gneise, die so charakteristisch und formgebend für diese Landschaft sind. Auf ihnen wachsen grüne und schwarze Landkartenflechten der Gattung Rhizocarpon, uralte Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen. Auf dem nackten Fels beginnen sie mit der stillen Arbeit des Lebens. Mit ihren Säuren ätzen sie winzige Spuren in das Gestein, lösen Mineralien heraus, die sie zum Wachsen brauchen, und hinterlassen dabei organische Substanzen. So bereiten sie, Millimeter für Millimeter und Jahr für Jahr, den Boden für alle Pionierpflanzen, die nach ihnen kommen werden. Um im Bild des aufgeschlagenen Buches zu bleiben: Sie bilden gewissermaßen die erste Zeile im langen Kapitel der Vegetation.
Der Gletscher, der Fels, die Flechten, sie erzählen gemeinsam eine Geschichte von Zeit, Wandel und dem unaufhaltsamen Wirken der Elemente und des Lebendigen. Die Folgen unseres tiefen Eingriffs in die Natur sind Mahnung und Einladung zugleich: genauer hinzusehen und zu verstehen, bevor sich die Seiten dieses Buches für immer schließen.
In unseren Wurzeln vereint
von Christian Klepp | 19.06.2025 | Alpen Galerie, Neueste Fotografien, Sternenhimmel Galerie | 0 Kommentieren
Im August steigt die Milchstraße steil über dem Monte Rosa Massiv der Schweizer Alpen auf. Jupiter und Saturn leuchten hell über dem Bergkamm, eine Sternschnuppe der Perseiden fällt mitten durch die Milchstraße, und hoch am linken Bildrand leuchtet Andromeda, unsere Nachbargalaxie in zweieinhalb Millionen Lichtjahren Entfernung.
Der Gornergletscher durchzieht das weite Tal wie ein Fluss aus Eis, der Schwerkraft ins Tal folgend. Über Jahrtausende hat er sich sein Bett in den Fels gearbeitet und damit die Landschaft maßgeblich geformt. Geprägt von der schürfenden Kraft der Gletscher erzählt diese über 4.500 Meter hohe Gipfelwelt von ständigem Wandel im Laufe der Zeit, doch nie zuvor mit der Geschwindigkeit, die wir mit dem Klimawandel vorgeben. Über 350 Meter hat sich die Nullgradgrenze bereits angehoben, was bedeutet, dass dieser majestätische Talgletscher unrettbar verloren ist. In den letzten Sommern schmolzen über zehn Prozent des verbliebenen Eises der Alpen, was mehr ist, als die Eisschmelze der letzten 30 Jahre zusammengenommen.
Unsere Erde ist ein Wunderwerk. Auf ihr als auch in ihr hat sich über Milliarden Jahre hinweg ein fein balanciertes Gleichgewicht aus Plattentektonik und den ineinander verzahnten Kreisläufen von Gestein, Wasser, Kohlenstoff und Nährstoffen eingestellt, in denen das Leben nicht nur seinen dauerhaften Platz gefunden hat, sondern regulierend und erhaltend mitwirkt. In diesem dynamischen System ist alles miteinander vernetzt und ermöglicht das Leben nicht nur, sondern schützt und erhält es.
Mit dem Blick von diesem Grat auf Landschaft und in die Tiefen des Alls wird deutlich: Wir teilen nicht nur einen gemeinsamen Planeten, wir teilen auch einen Ursprung: Alles, woraus wir bestehen, stammt aus den Elementen explodierter Sterne. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes Sternenstaub. Es ist diese Erkenntnis, die sich im Englischen so charmant ausdrückt: Earth is the Mother We Share. Nicht im romantischen Sinn. Sondern im ganz realen: Wir hängen existenziell von ihr ab. Von ihrer Stabilität, ihrer Selbstregulation, ihrer Großzügigkeit. Wir stehen nicht über den Dingen, wir sind ein Teil davon. Und genau hier, zwischen Gletscher, Gebirge und Sternen, wird das besonders deutlich erfahrbar.
Ahnenheimat
von Christian Klepp | 16.01.2023 | Alpen Galerie | 0 Kommentieren
Der Almsee im Almtal bei Grünau gehört zum Salzkammergut der Alpen Österreichs und ist ein idyllischer Bergsee am nördlichen Fuße des bis zu 2500 Meter hohen Toten Gebirges. Als tot wird dieses Gebirge bezeichnet durch seine schroffe, karge, wasserlose und daher vegetationslose Felslandschaft. Dieses Erscheinungsbild liegt am Kalkgestein, das das Gebirge aufbaut. Regenwasser bindet geringe Mengen an Kohlendioxid und wäscht es als leichte Kohlensäure aus der Atmosphäre aus. Diese Kohlensäure ist in der Lage, Kalk aufzulösen. In den Jahrmillionen beständiger Arbeit kann Regenwasser so ganze Gebirge auflösen.
Durch Brüche und Spalten im Gestein dringt das Wasser ins Innere des Gebirges vor, und aus Vertiefungen werden mit der Zeit Hohlräume und Gräben. So entsteht ein weit verzweigtes Netz unterirdischer Flüsse und Höhlensysteme, in denen das Regenwasser versickert und abfließt. Solche Landschaften werden Karst genannt. Die Kalke bildeten sich vor etwa 230 Millionen Jahren im warmen Flachwasserbereich eines längst verschwundenen Ozeans namens Tethys, der sich zu dieser Zeit zu einem Weltozean öffnete. Die damaligen Lagunen und Rifflandschaften können wir uns leicht verbildlichen, denn sie hatten gewiss Ähnlichkeit mit dem heutigen Great Barrier Reef im Nordosten Australiens und der Inselwelt der Bahamas und Floridas. Durch die Gebirgsbildung der Alpen wurden diese bis zu drei Kilometer mächtigen Sedimentlagen aus Kalken gehoben und fortan durch das Regenwasser geformt.
Das im Gebirge versickerte Wasser kommt durch Quellen wieder an die Oberfläche und speist so die umliegenden Seen, wie auch den Almsee. Der 589 Meter hoch gelegene See ist zwar nährstoffarm, bietet aber mit seinem stark gegliederten Vegetationsgürtel und moorigen Verlandungszonen einen idealen Lebensraum für viele Tier und Pflanzenarten. Der 2300 Meter lange und 700 Meter breite See ist durchschnittlich nur zweieinhalb Meter tief, und seine zahlreichen Quellen liegen in bis zu neun Metern Tiefe.
Geformt wurde das Almtal durch den Almgletscher während der letzten Eiszeit. Vor etwa 13.000 Jahren, in der ausklingenden Eiszeit, ereignete sich hier ein großer Felssturz, der den Talausgang blockierte, woraufhin sich der Almsee aufstaute. Der einst viel größere und tiefere See wurde im Verlaufe der Zeit durch Schuttzufuhr aus dem Toten Gebirge immer kleiner und flacher. Vor allem Starkregenereignisse und die Schneeschmelze führen dem See erhebliche Mengen an Felsschutt zu. Im Bereich seiner moorigen Verlandungszone, in der dieses Foto entstand, ist der See gerade einmal 50 Zentimeter tief.
Der Almsee hüllt sich oft in dichten Nebel. Das liegt an der kühlen und feuchten Luft, die von den nur sechs Kilometern entfernten Bergen hereinströmt. Wenn diese Luft auf die wärmere Luft über dem See trifft, bildet sich eine Nebelschicht. Dies ist vor allem im Herbst der Fall, wenn das Tal in kalten und klaren Nächten stark auskühlt und sich ein Kaltluftsee über dem relativ warmen Wasser bildet. Dann ziehen dichte Nebelschwaden über den See und verändern den Anblick des Sees von Minute zu Minute. Zusammen mit dem bunt verfärbten Herbstlaub ergeben sich in der Morgendämmerung zauberhaft märchenhafte Stimmungen. In den Momenten, in denen der Nebel den Vorder und Hintergrund ausblendet, wirkt die moorige Verlandungszone mit dem angrenzenden Wald wie eine schwebende Landschaft, in der die Ahnen ihre Heimat gefunden haben.
Nachhall des Donners
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie | 0 Kommentieren
Das Panorama des Großen Aletschgletschers und des Fieschergletschers im Berner Oberland der Schweizer Alpen gehört zu den spektakulärsten Berglandschaften Europas.
Die vielversprechende Gewitterlage im August 2015 eignete sich ideal, um dieses Panorama vom Gipfel des Eggishorns (2.869 Meter) aus zu fotografieren. Die aktive Gewitterlinie war während dieser Aufnahmen noch etwa 6 Kilometer entfernt. Der aufziehende Starkregen des Gewitters ist an den strukturlosen grauen Wolken am linken Bildrand hinter dem Bettmerhorn (2.857 Meter) zu erkennen. Dadurch verblieb vermeintlich noch genug Zeit, um die 57 Aufnahmen dieses 220 Grad Panoramas fertigzustellen, um rechtzeitig den Abstieg vom Gipfel zu beginnen.
Was jedoch bei dieser dynamischen und sich rasch verändernden Wolkendecke selbst für das geübte meteorologische Auge nicht erkennbar war, war die Neubildung einer Gewitterzelle direkt über dem Eggishorn. Hinter dem Metallstativ arbeitend bemerkte ich zunächst nur ein Kribbeln, das von den Füßen zum Kopf lief, woraufhin sich mir die Haare aufstellten. Was ich spürte, war die von unten nach oben verlaufende Vorentladung des sich aufbauenden Blitzkanals. Intuitiv warf ich mich zu Boden, erkannte jedoch, dass ja das Metallstativ nun über mir stand. Im selben Moment krachte es ohrenbetäubend, als gleichzeitig der Blitz einschlug, der Donner durch das weite Gletschertal rollte und von den gegenüberliegenden Felswänden zurückhallte. Als ich mich langsam erhob, bemerkte ich Sankt Elms Feuerbüschel an meinen Fingerspitzen leuchten. Diese seltenen und geisterhaften, durch elektrische Ladungen hervorgerufenen Lichterscheinungen leuchten aufgrund der Spektrallinien der atmosphärischen Gase Sauerstoff und Stickstoff blauviolett. Noch nie zuvor war ich einem Blitz so nahe gekommen. Ich konnte die elektrische Ladung in mir und um mich herum förmlich riechen und schmecken, während mein Körper von Adrenalin durchflutet wurde. Ich beendete in fieberhafter Eile die fehlenden zwei Aufnahmen des Panoramas, warf die Fotoausrüstung unsortiert in den Rucksack und hastete vom Gipfel gen Tal, als bereits die nächsten Blitze viel zu nahe einschlugen. Auf dem Weg nach unten erreichte mich schließlich auch der Starkregen. Das Gewitter verlor währenddessen aber an Aktivität und zog allmählich ab.
Der Große Aletschgletscher ist mit 22 Kilometer Länge und 1.500 Meter Breite der flächenmäßig größte und längste Gletscher der Alpen. Seine Schmelzwässer fließen über die Massa in der gleichnamigen Schlucht in die Rhone. Seinen Ursprung hat der Gletscher am Konkordiaplatz der Jungfrau Region in 3.800 Meter Höhe. Dort, wo das fahlgelbe Licht der Sonne den Gletscher beleuchtet, befindet sich sein kaltes Nährgebiet. In dieser Region fällt im Winter mehr Schnee, als im Sommer abtauen kann. Folglich wächst dort der Gletscher. Die zahlreichen dunklen Bänder, die dem Gletscher sein charakteristisches Aussehen verleihen, sind Mittelmoränen. Sie entstehen dort, wo die einzelnen Gletscher zusammenfließen, die den großen Eisstrom des Aletschgletschers bilden. Der von jedem Gletscher an seinen Rändern mitgeführte Abtragungsschutt sammelt sich entlang der Mittelmoränen. Dort, wo diese Bänder hangaufwärts erstmals sichtbar werden, befindet sich die Höhenlinie, an der die Lufttemperatur im Mittel 0 Grad Celsius beträgt. Unterhalb davon liegt das sehr viel größere und wärmere Zehrgebiet. Hier schmilzt mehr Eis ab, als vom Nährgebiet nachfließen kann. Der Blick auf den Eisriesen verrät damit, dass es um seine Eisbilanz schlecht bestellt ist. Seine Mittelmoränen sind am Ende des Sommers bis in höchste Lagen sichtbar und dokumentieren so den dramatischen Massenverlust des Eisriesen. Je schneefreier und damit dunkler die Eisoberfläche wird, desto mehr erwärmt sie sich während des Sommers und desto schneller schmilzt das Eis. Dieser sich selbst verstärkende Rückkopplungseffekt lässt das Eis mit weiter ansteigenden Temperaturen immer schneller abschmelzen. Der Klimawandel hinterlässt somit deutliche Spuren am Aletschgletscher. Sein Zustand spiegelt das globale Fieberthermometer unseres Planeten wider. Zu den Höhepunkten der letzten Eiszeiten füllte der Aletschgletscher das komplette Tal.
Überall, wo heutzutage das Gestein rundgeschliffen frei liegt, war das Tal eisbedeckt. Alle gratig zerklüfteten Gipfel ragten dagegen aus dem reliefübergeordneten Eissystem heraus. Im Jahr 1850, zum letzten Höchststand der Alpengletscher, lag das Eis des Aletschgletschers auf seiner gesamten Fläche rund 100 Meter höher als heute. Dieser Eisstand ist noch heute erkennbar an den vegetationslosen Seitenmoränen und Felsen, die sich hell gegen die darüber liegenden Felsbereiche absetzen. Seit 1850 hat er sich mehr als drei Kilometer weit zurückgezogen. Am Zungenende verliert der Gletscher gegenwärtig etwa 10 Meter an Länge pro Jahr. In heißen Sommern können es aber auch mehr als 100 Meter sein. Seine Fließgeschwindigkeit variiert je nach Messort zwischen 50 und 180 Meter pro Jahr. Das Eis variiert in seiner Mächtigkeit zwischen 900 Meter am Konkordiaplatz und 150 Meter im unteren Verlauf des Gletschers. Klimaprojektionen legen nahe, dass am Ende des Jahrhunderts der Aletschgletscher in seiner zusammenhängenden Form verschwunden sein wird.
Im unteren Bereich des Aletschgletschers kommt es im Bereich der Moosfluh durch den starken Gletscherrückgang zu Instabilitäten der Berghänge. Die dort in Bewegung befindliche kriechende Hangrutschung könnte sogar einen massiven Felssturz auslösen. Der sich zurückziehende Gletscher kann die ihn umgebenden Berghänge schließlich nicht mehr stabilisieren. Zudem zieht sich der Permafrost aus den Berghängen zurück. Dadurch kann wiederum Regen und Schmelzwasser tiefer in den Fels eindringen und ihn weiter destabilisieren. Häufig wiederkehrende Gefrier und Auftauprozesse erodieren den Fels rasch weiter. Solche Frostwechseltage gibt es am Aletschgletscher inzwischen an mehr als der Hälfte der Tage des Jahres.
In der Senke zwischen dem Eggishorn und dem Strahlhorn liegt der kleine Märjelensee, der sich beim Gletscherhochstand um 1850 zu einem Gletscherrandsee aufstaute und wiederholt durch Gletscherspalten ausbrach. Dadurch verursachte er Sturzfluten, die sich durch die Massaschlucht bis ins Rhonetal hinein ergossen. Der größere Vordersee wurde dagegen durch Menschenhand aufgestaut.
Ganz am rechten Bildrand leuchtet das 4.274 Meter hohe Finsteraarhorn, von der Sonne im fahlgelben Gewitterlicht beleuchtet. In dieser Berggruppe entspringt der Fieschergletscher. Mit seinen 14,8 Kilometer Länge ist er nach dem Aletschgletscher der zweitlängste Gletscher der Alpen.
Das Gefühl, in dieser gewittrigen Atmosphäre auf dem Gipfel des Eggishorns hoch über dem Aletschgletscher zu stehen, war berauschend. Das bedrohlich wirkende Licht der Szenerie und die einschneidende Erfahrung, fast vom Blitz getroffen worden zu sein, machten das Erlebnis hinter dieser Aufnahme unvergesslich und einmalig.
Dämmerung des Nachtzaubers
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie, Sternenhimmel Galerie | 0 Kommentieren
Die sagenhafte Kulisse des nächtlichen Mont Blanc Massivs spiegelt sich im Lac de Cheserys mit der aufsteigenden Milchstraße über den Gipfeln. Dieser See liegt in den Aiguilles Rouges oberhalb von Chamonix. Nach einer Vielzahl von Fehlversuchen waren die Wetterbedingungen in dieser Nacht endlich perfekt. Der frisch gefallene Schnee, die Spiegelung und die schnell ziehenden Wolken machten die stimmungsvolle Atmosphäre perfekt.
Nach dem Durchzug eines sommerlichen Tiefdruckgebiets ist die Luft klar, und der frisch gefallene Schnee lässt die schroffen Bergspitzen leuchten. Vereinzelte mittelhohe Wolken jagen über den nächtlichen Himmel. Die Milchstraße über dem Hauptgipfel des Mont Blanc leuchtet im Sternbild Schütze am hellsten. Dort befindet sich das galaktische Zentrum unserer Milchstraße in einer Entfernung von 25.000 Lichtjahren. Die Sterne des Schützen spiegeln sich im See und zeigen dabei ihre blaue Spektralfarbe. Das intensive Blau der Sterne Nunki und Ascella zeigt, dass sie jung und heiß sind. Der rötliche Lagunennebel hebt sich vor den interstellaren Dunkelwolken besonders deutlich ab. Am oberen Bildrand liegt der helle Milchstraßenbereich der Schildwolke. Die meisten Gipfel des Mont Blanc Massivs sind weit über 4.000 Meter hoch. Der hohe Gipfel links im Bild ist die L’Aiguille Verte (4.122 Meter), gefolgt von der weiter entfernten Kette der Les Grandes Jorasses (4.200 Meter), den spitzgratigen Gipfeln der Aiguille des Grand Charmoz bis zur Aiguille du Midi (3.842 Meter) und schließlich dem höchsten Berg der Alpen, dem Mont Blanc (4.810 Meter).
Traumszene
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie | 0 Kommentieren
Der leuchtend grüne Wald, der sich im Alpensee Lago di Saoseo im Val da Camp im Schweizer Graubünden spiegelt, wirkt im morgendlichen Gegenlicht wie verzaubert. Im Sommer bricht das Morgenlicht über den Bergkamm und erwärmt die eiskalte Luft in diesem hoch gelegenen Bergtal. Der Lago di Saoseo hüllt sich dann für einen flüchtigen Moment in mystischen, gegenlichtigen Dunst und Nebel, der in der eiskalten Morgenluft über dem See und im Wald aufsteigt. Dort, wo die Gletscher tiefe Pfannen aus dem Gestein kehlten, bildeten sich nach dem Ende der Eiszeit Karseen, die zu den landschaftlichen Juwelen der Alpen gehören. Ein Felssturz schuf hier eine zusätzliche Barriere, die diesen See zu seiner heutigen Größe aufstaute.
Die Entstehung der Alpen ist ein komplexer geologischer Prozess, der seit 250 Millionen Jahren abläuft und immer noch anhält. Der über 1.000 Kilometer breite Urozean Tethys wurde dabei mitsamt seinem Tiefseeboden auf weniger als 100 Kilometer zusammengeschoben. Afrika rammte dabei Europa, und es entstand ein Faltengebirge mit Deckenaufbau. Der schwere vulkanische Boden des Ozeans verschwand per Subduktion in der Tiefe der Erde und wurde aufgeschmolzen. Seine vergleichsweise leichte Sedimentlast wurde dagegen beim Abtauchen der Platte abgeschabt und in Decken übereinander zum Gebirge der Alpen aufgefaltet. Die oberen Kalkablagerungen dieser Ozeansedimente findet man heute in Höhenlagen bis 2.500 Meter. Zwischen den Gesteinen der Zentralalpen findet man zusätzlich häufig Grüngesteine. Die durch hohen Druck und hohe Temperaturen im Erdinneren bei der Gebirgsbildung vielfach veränderten und umgeformten (metamorph überprägten) Gesteine sind die Reste des vulkanischen Ozeanbodens, bestehend aus ehemaligen Basalten und Gabbros. Sie wurden, was extrem selten ist, nicht mit der Subduktion der Ozeanplatte in die Tiefe gezogen, sondern bis in 4.000 Meter Höhe an Land aufgefaltet. Turmalin, Smaragd und Granat gehören zu den bekanntesten Mineralien dieses Gesteinstyps, der sich Ophiolithkomplex nennt. Das grünglänzende Gestein trägt den Namen Serpentinit.
Elemente des Sturms
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie | 0 Kommentieren
Der Alpensee Lac de Cheserys in den Aiguilles Rouges oberhalb von Chamonix bietet spektakuläre Ausblicke auf das Mont Blanc Massiv. Am Ende eines stürmischen Tages beleuchtete der Sonnenuntergang hohe Föhnwolken. Der starke Wind beruhigte sich für einen kurzen Moment und sorgte so für eine perfekte Spiegelung der verschneiten Bergkette im See.
Der verregnete und kühle Sommer 2011 wurde in Mitteleuropa durch eine stationäre Troglage verursacht. Die normalerweise langsam um den Globus ziehende und dabei in Nord Süd Richtung mäandrierende Höhenströmung der mittleren Breiten wurde blockiert und kam zum Stillstand. Die kühle, wolkenreiche Polarluft verblieb über Mitteleuropa. Entlang dieser Höhenströmung zogen unzählige Tiefdruckgebiete nach Europa. Am Südrand dieses stationären Trogs, zumeist in den Südalpen gelegen, wechselten sich dadurch wiederholt streifende Frontdurchgänge mit schwachen Hochdruckbrücken ab. Dies sorgte für wechselhaftes Wetter mit häufigen Föhnlagen als Vorboten des nächsten Tiefs, verbunden mit Sturmwinden über den Bergen. Häufig kam es in der Folge zu Kaltfrontgewittern mit Starkregen und dekorativem Neuschnee in den Bergen. Solch instabile Wetterlagen bieten dramatische Wolkenstimmungen, aber auch starken Wind, der keine Spiegelungen zulässt. Zudem sind die bis zu 4.810 Meter hohen Berggipfel des Mont Blanc Massivs unter diesen Bedingungen zumeist von Wolken verhüllt.
Daher braucht es viel Zeit, Aufwand und gute Wettervorhersagen, um das tief verschneite sommerliche Gebirge in solcher Lichtstimmung im See gespiegelt vorzufinden.
Stellarer Sonnenschein
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie, Sternenhimmel Galerie | 0 Kommentieren
Das berühmte Matterhorn in Zermatt und die Milchstraße spiegeln sich im nächtlichen Stellisee. Man kann staunen, wie klein das majestätische Wahrzeichen der Schweiz unter dem gigantischen Bogen der Milchstraße wirkt.
Im August steht die Milchstraße morgens um drei Uhr über dem 4.478 Meter hohen Gipfel des Matterhorns. In mondloser Nacht sind auch mit dem bloßen Auge unzählige Sterne unserer eigenen Galaxie zu erkennen. Um die Punktförmigkeit der Sterne während der vierminütigen Belichtung zu erhalten, wurde die Kamera mittels einer Sternnachführung bezüglich der Erdrotation korrigiert. Dadurch werden auch lichtschwache Sterne sichtbar, sodass die Gesamtanzahl der sichtbaren Sterne stark ansteigt. Die Spiegelungen der Sterne im See verbleiben dabei immer als Strichspuren, da auch die kompensatorische Ausgleichsbewegung gespiegelt wird. Dadurch wird die Dynamik der Erdrotation sichtbar. Unter dem gewaltigen Firmament der Milchstraße mit seinen aus Staub bestehenden Dunkelwolken geht links vom Matterhorn der Schütze und rechts davon der Skorpion unter. Die zweigeteilte Milchstraße über dem Matterhorn zeigt das Sternbild Schild sowie den Schlangenträger. Darüber schließt sich das Sommerdreieck mit den hellen Sternen Altair im Adler, Wega in der Leier sowie Deneb im Schwan an. Am oberen Bildrand stehen das Sternbild Kepheus sowie die Region der Kassiopeia.
Eine Nacht am Stellisee mit dem Matterhorn unter Millionen von Sternen löst tiefe Gedanken aus, über unseren Platz im Universum und die Sinnhaftigkeit unseres geschäftigen täglichen Treibens.
Symphonie des Mondaufgangs
von cQLGrtxlIornKupkc | 01.01.2000 | Alpen Galerie | 0 Kommentieren
In der Dämmerung spiegelt der Lac de Cheserys in den französischen Alpen das Mont Blanc Massiv. Der Mond geht über den zerklüfteten Gipfeln der Les Grandes Jorasses auf, und erste Sterne werden bereits im schwächer werdenden Tageslicht sichtbar.
Im Halbdunkel der anbrechenden Nacht, etwa 45 Minuten nach Sonnenuntergang, nimmt der Himmel eine zwielichtige tiefblaue Farbe an. Grund dafür ist die Ozonschicht, die beim parallel durch die hohe Atmosphäre fallenden Restlicht wie ein Farbfilter wirkt und nur den blauen Lichtanteil passieren lässt. Der aufgehende Mond beleuchtet die Berge, und in tiefster Ruhe werden die ersten Sterne sichtbar.
Die Gesteine, die das Panorama des bis zu 4.810 Meter hohen Mont Blanc Massivs in den französischen Alpen aufbauen, haben eine geologische Geschichte, die bis in das Zeitalter des Karbons und Perms vor 300 Millionen Jahren zurückreicht. Zu dieser Zeit waren alle Landmassen zu einem Superkontinent namens Pangäa vereint. Entlang der Kollisionsnaht zwischen Afrika, Eurasien sowie Nord und Südamerika bildete sich das Variszische Gebirge. Dieses wurde im Laufe der Zeit von der Verwitterung abgetragen. Übrig blieben die kristallinen Wurzeln des Gebirges im Untergrund, bestehend aus Granit. Dieses Grundgebirge wurde während der Zeit der Dinosaurier im Mesozoikum von kilometerdicken Meeressedimenten bedeckt. Vor 40 Millionen Jahren begann dann die Hebung der heutigen Alpen mit größeren Schüben im Mont Blanc Gebiet vor 22 sowie 12 bis 5 Millionen Jahren. Dabei wurde die harte Granitwurzel des ehemaligen Variszischen Gebirges domartig herausgehoben und die aufliegenden weichen Sedimente vollkommen durch die Verwitterung abgetragen. Durch diese Entlastung konnte der Granitkörper noch weiter aufsteigen. Die Gletscher der Eiszeitzyklen prägten schlussendlich die heutige Form der verwitterungsbeständigen Granitgipfel.
